Interview mit Seyda Türk und Jelisaweta Kamm

„Wir brauchen mehr Vorbilder!"

Das Mentoringprogramm-Vielfalt brachte Mentorinnen und Mentees zusammen, um sich überparteilich auszutauschen, zu vernetzen und zu diskutieren, was es heißt, sich als Frau mit Migrationsbiografie einzubringen und Politik zu machen. Mit Erfolg: Seyda Türk (FDP) und Jelisaweta Kamm (Grüne) erlangten nach Abschluss des ersten Durchgangs ein kommunalpolitisches Mandat in Berlin-Mitte. Was hat sich durch das Programm für sie verändert?

EAF Berlin: Wie kam es zu eurem politischen Engagement? Gab es auch Hürden auf diesem Weg?

Jelisaweta Kamm: Ich wurde Zuhause dahingehend erzogen, dass ich so „deutsch“ wie möglich wirken sollte, um nicht als Russlanddeutsche aufzufallen und diskriminiert zu werden. Das ist sicher ein Grund, warum mich viele erstmal nicht migrantisch lesen und mir deswegen weniger Hürden in den Weg gelegt werden. Ich habe mich früh hochschulpolitisch und bei der Grünen Jugend engagiert. In den letzten dreieinhalb Jahren war ich im Kreisvorstand, seit kurzem bin ich nun BVV-Vorsteherin.

Seyda Türk: Ich bin schnell durch mein Engagement bei den Jungen Liberalen auch Mitglied im Landesvorstand geworden. Neben viel Unterstützung habe ich aber auch vereinzelt diskriminierende Bemerkungen gehört. Dabei habe ich bemerkt, dass es einigen Menschen echt schwerfällt einzusehen, dass Menschen mit Migrationshintergrund in der Politik und in allen anderen Bereichen vor mehr Hürden stehen. Dieses Verständnis und Reflektieren fehlt mir. Es ist wirklich ein schmaler Grat zwischen leichter zu erkennender, abwertender Diskriminierung und positiver Diskriminierung – schließlich suchen Parteien teilweise gezielt nach jungen Frauen mit Migrationshintergrund, die sie nach vorne bringen können, um nach außen offen und divers zu wirken.

EAF Berlin: Daran anschließend: Welche strukturellen Probleme seht ihr für Frauen mit Migrationsbiografie in der Politik?

Seyda Türk: Für Frauen in der Politik ist es schon schwierig, wenn dann noch ein Migrationshintergrund dazu kommt, wird es noch schwieriger und am kritischsten wird es, wenn jemand zusätzlich noch einer Religion wie dem Islam angehört. Diese Menschen erfahren sicher am meisten Diskriminierung. Wie ich eben schon angedeutet habe, ist auch positive Diskriminierung unter dem Deckmantel von Vielfalt ein Thema, da sollte man sich nicht instrumentalisieren lassen. 

Jelisaweta Kamm: Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, dass für den Bundestag immer noch für eine Frauenquote gekämpft werden muss. Die endlich einzuführen sollte zumindest ein erster Schritt sein. Sollte es zusätzlich einmal eine Quote für Menschen mit Migrationsbiografie geben, müsste sie so designt werden, dass viele marginalisierte Gruppen gleichermaßen in den Bundestag einziehen könnten. Viele Menschen möchten zudem nicht in den Themen Migration oder Integration sondern in anderen Feldern wie Bildungspolitik oder Umwelt aktiv werden. Daher müsste eine zweite Linie sein, dass Politiker:innen in ihrem fachpolitischen Bereich als migrantische Personen präsent sind. Wir brauchen mehr Vorbilder!

EAF Berlin: Warum habt ihr euch für das Mentoringprogramm Vielfalt beworben?

Seyda Türk: Ich hatte das Bedürfnis mich mit anderen Politikerinnen mit Migrationshintergrund auszutauschen. Insbesondere mit Musliminnen und Frauen aus dem türkisch-arabischen Raum, die im politischen Umfeld viel zu wenig sichtbar sind.

Jelisaweta Kamm: Ich habe mich als Kreisvorstand auch für das Thema Diversity eingesetzt und bin in diesem Rahmen auf das Programm gestoßen. In den Gesprächen mit meiner Mentorin ging es vor allem um Resilienz und psychische Gesundheit. Es gab Zeiten, in denen ich neben meinem Engagement noch einen Vollzeitjob zu stemmen hatte. Das würde ich niemandem empfehlen. Hätte ich noch Kinder gehabt, wäre das unmöglich gewesen. Das darf nicht sein. An das Thema Vereinbarkeit müssen wir wirklich ran, wenn wir sagen wollen: Wir sind eine starke Demokratie.

EAF Berlin: Hat das Mentoringprogramm eure überfraktionelle Zusammenarbeit verbessert?

Jelisaweta Kamm: Aufgrund meiner Vorstandstätigkeit habe ich auch schon vor dem Mentoringprogramm zeitweise überfraktionell zusammengearbeitet. Das Besondere am Mentoring war aber, dass wir nicht in einem politischen Wettbewerb standen und uns über unsere gemeinsame Migrationsbiografie und unsere Erfahrungen als Frau in der Politik austauschen konnten. Gemeinsam haben wir überlegt, wie wir in Zukunft Netzwerke schmieden können, um die vielen strukturellen Probleme, die uns alle betreffen gemeinsam anzugehen. Dadurch hat sich ein großes Vertrauen entwickelt. Ich glaube, das ist sehr wertvoll.

Seyda Türk: Auch ich kenne die überfraktionelle Zusammenarbeit bereits aus meiner politischen Arbeit. Aber durch das Programm habe ich noch viele andere Frauen kennengelernt, mit denen ich mich weiterhin überparteilich zu Themen, die uns beschäftigen, austauschen möchte.

EAF Berlin: Was würdet ihr jungen Frauen mit Migrationsbiografie raten, die in die Politik gehen wollen?

Jelisaweta Kamm: Keep going! Frauen in der Politik haben es noch immer schwer und wir sollten deshalb nicht noch zusätzlich zu selbstkritisch mit uns umgehen, auch wenn viele von uns so erzogen und sozialisiert wurden.

Seyda Türk: Achtet darauf, dass ihr euch noch andere Themen sucht, als Integration und Migration. Lasst euch nicht vorschnell in eine Schublade stecken. Etabliert und profiliert euch auf Feldern, die euch richtig interessieren!

Die Mentees Seyda Türk (FDP) und Jelisweta Kamm (Grüne) erlangten nach Abschluss des ersten Mentoring-Programms ein Mandat in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) in Berlin-Mitte. In der BVV engagiert sich Seyda Türk im Schulausschuss, im Ausschuss für Weiterbildung und Kultur sowie im Jugendhilfeausschuss und Jelisaweta Kamm im Ausschuss für Eingaben und Beschwerden und im Ausschuss für Soziale Stadt.